Autor: torsten

Mastektomie

Unser erster Schlag führte uns über Paxos weiter nach Süden in Richtung Lefkas, wo ein Techniker unseren defekten Autopiloten reparieren und ein Rigger nach vielen Jahren vor der großen Fahrt unser stehendes Gut prüfen sollte. Als „stehendes Gut“ werden im Prinzip alle Aufbauten zum Segeln, die kein Tauwerk sind, also im Wesentlichen der Mast und alle Drähte, die ihn stützen, bezeichnet. Bei Flaute fuhren wir größere Teile des Tages unter Motor nach Preveza, wo am Folgetag Fredis Schwester Bici und deren Freundin Tabea zusteigen wollten. Die Idee war, in der Bucht direkt hinter dem Flughafen zu ankern und die beiden mit dem Beiboot einzusammeln. Der Wind wehte nur schwach von hinten, die Sonne schien und für den verbleibenden Tag und die Nacht waren friedliche Bedingungen vorhergesagt, sodass wir das Boot für die zwei Seemeilen von der Stadt zum Flughafen nicht großartig seefest machten, die Genua (das Vorsegel) setzten und gemütlich in Richtung Flughafen dümpelten. Vorerst, denn nach wenigen Minuten Fahrt kamen plötzlich und unerwartet Schaumkronen auf uns zugerast und noch bevor wir das Segel auch nur ansatzweise bergen konnten, hatte uns ein Starkwindfeld fest im Griff. Das Schiff krängte, unten im Salon fielen Gegenstände durcheinander und Moana raste los. Normalerweise ein großer Segelspaß, aber mit unvorbereitetem Boot und unvorbereiteter Crew gefährlich. Fredi versuchte unten, alles festzuhalten, während Andreas und ich versuchten, die Genua wegzureffen. Ohne funktionierenden Autopiloten war jedoch einer am Steuer gebunden und beim anliegenden Winddruck misslang das Manöver. Mit zugeschaltetem Motor fuhr ich Moana in den Wind, der Segeldruck war weg, aber das Segel schlug im Starkwind wie wild und das alte Tuch riss sofort. Dafür gelang es nun, das Segel zu bergen, zumindest teilweise. Bevor noch größerer Schaden entstand, entschied ich mich, das Segel kurzerhand mit Hilfe der Winsch wegzureffen. Und das, obwohl ich es auf meinen Törns immer allen verbiete, denn wenn ein Widerstand da ist, sollte man die Ursache suchen und bekämpfen und nur wenn sicher ist, dass sich nichts verklemmt, darf man ausnahmsweise mal die Kurbel zu Hilfe nehmen. Mit einem nur kleinen Segelrest, der noch draußen war, aber wie wild schlug und da ich jederzeit weitere Risse befürchtete, griff ich zur verbotenen Kurbel. Es gelang mir, das Segel wegzureffen, aber ein sehr unschönes Geräusch ließ dabei nichts Gutes vermuten. Wir fuhren die paar Meter zur Ankerbucht zurück und ich inspizierte den Schaden. Das Vorstag, ein Drahtseil, das den Mast nach vorn stützt, war abgerissen. Der nächste große Rückschlag.

Nun gut, den Termin beim Rigger hatten wir ohnehin und da der Rest des stehenden Guts auch schon in die Jahre gekommen war, entschieden wir uns, gleich alles tauschen zu lassen, um zukünftig beruhigter segeln zu können. Das sei kein Problem, sagte man uns, wir sollen einfach zum Check-Termin erscheinen, da würde man alles vermessen und in der darauffolgenden Woche die Arbeiten erledigen. Gesagt, getan, wir ersetzten das gebrochene Vorstag behelfsmäßig durch ein Spinnakerfall und fuhren unter Motor (der inzwischen einwandfrei und zuverlässig funktionierte, man soll ja nicht nur meckern) nach Lefkas. Die Rigger kamen an Bord, begutachteten alles, sagten uns, dass wir für die Formalitäten ins Büro am anderen Ende der Marina kommen sollten und verabschiedeten sich mit „see you next week!“. Also marschierte ich sofort ins Büro, sonst gab es ohnehin nicht viel zu tun, und stand zehn Minuten später in einem angenehm klimatisierten Raum, überall Tauwerk, Segeltuch und anderes Bootszeug, und in der Mitte ein Schreibtisch mit einer netten Dame dahinter. Die den Auftrag so annehmen würde wie besprochen, allerdings mit der „klitzekleinen“ Änderung, dass sie die Arbeiten erst Ende August erledigen könnten. Ende August? Das war anders besprochen und wir wollten zum einen bald segeln und uns zum anderen auch nicht veräppeln lassen. Aber freundliches Bitten und gutes Zureden halfen genauso wenig wie Schimpfen und Drohen und so beschloss ich, Konkurrenzangebote aus der Region einzuholen. Im Prinzip überall das selbe: Man würde sich gern kümmern, aber da ganz Griechenland im August in eine Art Sommerschlaf falle, Betriebe stillstehen, Lieferanten nicht liefern und Arbeiter nicht arbeiten, könne man uns erst einen späteren Termin anbieten. Die einzige Ausnahme bildete ein großer Betrieb auf Korfu, dessen freundlicher Manager Errikos mir am Telefon zusagte, dass man gleich nächste Woche beginnen könne und vermutlich auch bis Ende der Woche fertig werde. Großartig! Wir packte unsere sieben Sachen zusammen und fuhren unter Motor das Wochenende hindurch wieder zurück Richtung Nordwesten nach Korfu. Bei jeder größeren Welle gestresst, ob der behelfmäßig befestigte Mast halten würde, denn ein Mastbruch, das war klar, würde mehr oder weniger einen Totalschaden bedeuten. Montag war, wie so oft in Griechenland, ein Feiertag, also legten wir am Dienstag in der Marina Gouvia an und standen Errikos gegenüber. Dieser machte Mut, man würde heute schon mit den Vorbereitungen starten, morgen den Mast entfernen und das stehende Gut im Laufe der Woche ersetzen. Jedoch habe sein Chef-Rigger ihn gebeten, uns mitzuteilen, dass wir den Mast vermutlich nicht bis Ende der Woche zurückerhielten, sondern es wohl erst Anfang nächster Woche etwas werden würde. Das war anders besprochen, aber gut, ein paar Tage hin oder her machten den Kohl nicht fett, und so begannen die Arbeiten. Der Mast wurde mit einem großen Kran entfernt (wir sprachen medizingeschädigt immer von der „Mastektomie“) und an Land aufgebahrt, um im Laufe der folgenden Tage mit neuem Material bestückt zu werden. Was das kostet, solltet ihr besser gar nicht erst fragen… Nach Möglichkeit versuchten wir, jeden Nachmittag wieder aus der Marina abzuhauen und draußen zu ankern, denn auch die Übernachtung kostete je nach Tag 76-90€. Dafür waren immerhin ein kaum funktionierendes WLAN und alte Campingplatztoiletten inklusive sowie freier Zugriff auf Salzwasserhähne. Für Süßwasser wären 14€ Zuschlag fällig gewesen.

 

Beim Ankern fiel jedoch auf, dass das Brett, auf dem die leistungsstarke Ankerwinsch befestigt war, morsch war und sich bei jedem Aufholen des Ankers gefährlich nach unten durchbog. Wir befragten zwei Bootsmechaniker dazu und sie versicherten uns unabhängig voneinander glaubhaft, dass das Brett schon angebrochen sei. Ein Austausch war nötig, damit uns nicht irgendwann beim Anker aufholen die gesamte Platte mitsamt Winsch in hohem Bogen über Bord fliegen würde, und so kam Nikos ins Spiel. Ein netter griechischer Familienvater (wie wir lernten), der uns für viele, viele weitere Euros ein neues Brett als GFK-Sandwich anfertigen und einpassen würde. Eine Wahl hatten wir nicht und so sagten wir zu. Eine Woche würde er brauchen, maximal, und so konnten immerhin beide Reparaturen zeitgleich ausgeführt werden. Ankern konnten wir jedoch logischerweise nicht mehr und so investierten wir viel Geld in die Marina Gouvia und bekamen zum Dank lauthals grölende italienische Chartercrews als Nachbarn oder durften den von der Marina-Bar organisierten „Spanischen Abend“ miterleben, das bedeutete vollen Bassklang über alle Stege hinweg bis nachts um 3 Uhr. Tagsüber brüteten wir in der schwülen Hitze und es war kaum möglich, Arbeiten unter Deck zu erledigen, allenfalls in den frühen Morgen- und späten Abendstunden. Für Sport war es auch zu warm, durch die überfüllte, wenn auch schöne Innenstadt zu spazieren hatten wir auch bald satt und so vegetierten wir vor uns hin und kamen an guten (windigen) Tagen ein bisschen mehr und an schlechten Tagen kaum mit den Bootsarbeiten voran. Die Stimmung war am Boden. Passanten, die uns schadenfroh ein „euch fehlt da was“ oder „nice motorboat“ entgegenwarfen, verbesserten das Gefühl kaum. Erst recht, als uns Errikos auf mehrmalige Nachfrage mitteilte, dass das Rigg doch noch länger brauchen würde und uns von Tag zu Tag auf den nächsten vertröstete.

 

Am Ende wurde es nicht zum Ende der ersten Woche und nicht zum Anfang der folgenden, sondern erst zum Ende der folgenden fertig. Nikos hingegen kam täglich vorbei, setzte sich unter seinen mitgebrachten Sonnenschirm aufs Vorschiff und bastelte an der neuen Befestigungsplatte für die Wisch. Ab und zu brachte er uns einheimisches Ginger Ale in verschiedenen Geschmacksrichtungen mit, setzte sich mit uns ins Cockpit und quatschte zwei Sätze in gebrochenem Englisch, bevor er wieder von dannen zog. Das waren immer die nettesten Momente in der gefühlt feindlichen Marina, die uns regelrecht das Geld aus der Tasche zog.

Das Wochenende nutzten wir, um unter Motor nach Plataria zu fahren, wo Tina uns netterweise eine alte (aber ganze!) nicht mehr benötigte Genua übergab. Das Segel war zwar zu kurz, aber besser als gar keins und so würden wir nach dem Wiedereinbau des Mastes bis zur Fertigstellung unserer neuen Genua immerhin mit zwei Segeln segeln können. Wir rollten das Tuch aus und überraschenderweise war es von Walter Benrowitz angefertigt worden, Am Pichelssee in Berlin-Spandau, der Segelmacher aus dem Nachbarhaus! Zufälle gibt’s. Sogar ein Berliner Bär war am Vorliek aufgedruckt.

 

Am Freitag gaben alle Beteiligten noch einmal Vollgas und arbeiteten bis zum Abend, Nikos an der Ankerwinschbefestigung und Errikos Team am Rigg. Trotz aller Frustration kam dann gegen 19 Uhr der tolle Moment, als der Mast wieder stand, die Ankerwinsch wieder angeschlossen war und plötzlich ein funktionstüchtiges Segelboot vor uns stand. Nach einem Handschlag legten wir ab und fuhren die halbe Seemeile hinaus in die Ankerbucht vor der Marina. Der Abend wurde perfekt: Sternenklar und von den Lichtern der die Bucht säumenden Hotels umgeben lauschten wir in der absoluten Exklusivität unseres Cockpits dem Open-Air-Jazzkonzert an Land, während wir unser Abendessen genossen. Glücklich, dass wir den Reparaturmarathon endlich hinter uns hatten und viele zu entdeckende Orte nun auf uns warteten.

Die „Wasserfahrt“

Es ist geschafft! Nach viel Arbeit und einigen Unwegsamkeiten ist Moana nach acht Jahren Trockenheit endlich in ihr natürliches Element, das Wasser, zurückgekehrt. Fredis Eltern waren auch dabei und halfen tatkräftig bei den letzten (dachten wir…) Reparaturen mit. Unsere Aufregung war groß, als das fast zehn Tonnen schwere Schiff von einem antiquierten Traktor von der Werft über die staubige Brachfläche zur selbstgebauten Mini-Kaimauer gezogen wurde, wo uns der Kran mit stoischer Gelassenheit erwartete. Der Kran, jedoch nicht der Kranführer, letzterer traf landesüblich erst zwanzig Minuten später ein, stellte sein klappriges Mofa in die Ecke und zündete sich eine Zigarette an. Und dann ging es auch schon los. Gurte wurden befestigt, Leute riefen sich hektisch wichtige Dinge auf Griechisch zu und schon schwebte Moana in wenigen Metern Höhe zur Seite und wurde langsam ins Meer abgesenkt. Gespannt gingen wir zusammen mit dem österreichischen Motorexperten Herbert an Bord. Alle Seeventile waren dicht und es blieb absolut trocken im Schiff. Eine erste gute Nachricht.

 

Frederikes Vater Andreas ist Chemiker und in seiner großen Pharmafirma testet man neu konstruierte Anlagen vor der ersten richtigen Benutzung dadurch, dass man statt der eigentlichen oft zig- bis teilweise hunderttausende Euro teuren Substanzen erstmal Wasser durchlaufen lässt. So riskiert man bei Fehlfunktionen nicht den Verlust der teuren Charge. Das nennt sich im Fachjargon „Wasserfahrt“ und so gab Andreas auch unseren ersten Testtagen im Wasser diesen passenden Spitznamen, nur dass in unserem Fall nicht Wasser durch die Anlage fährt, sondern die Anlage durchs Wasser. Und dass wir nicht planen, später mit unserem Schiff durch teure Chemikalien zu fahren, nur fürs Protokoll. Aber so hatte sich das Wort bei uns schnell etabliert und wir waren bereit für unsere Wasserfahrt!

 

 

Herbert startete den Motor und nach kurzem Zögern lief er trotz langer Ruhezeit problemlos an. Doch zu früh gefreut: Trotz frisch getauschten Impellers kam kein Kühlwasser aus dem Auspuff, der Motor würde ohne Seewasserkühlung über kürzere Zeit heiß laufen und versterben. Mehrere Versuche einer schnellen Diagnose und Therapie versagten und so war schnell klar: Aus der Wasserfahrt wird erstmal nichts. An der Kaimauer konnten wir nicht bleiben, denn nachmittags würde der üblicher Nordwestwind einsetzen und die mit ihm heranrollende Welle uns an der Mauer zermalmen. Am besten, sagte Herbert, sei es, das Boot wieder herauszukranen. Da hatten wir so lange auf diesen Moment gewartet und dann das. Die Enttäuschung stand uns ins Gesicht geschrieben. Doch schweren Herzens stimmten wir zu, das Boot sollte wieder zurück an Land. Aber der Kranführer war in der Zwischenzeit schon wieder abgehauen, die Option war weg. Wir könnten den Motor kurz starten, um von der Mauer wegzukommen, zum Hafen hinübersegeln und dort unter Segel oder kurzzeitigem Motoreinsatz anlegen. Aber wenn irgendetwas nicht klappen sollte, und das wäre durchaus realistisch, hätten wir die Wahl zwischen einem kaputten Motor und einem Abschalten des Motors und Zerschellen am Ufer. Fischer Dimitri, so sagte einer der Leute vor Ort, könnte uns für 50€ mit seinem Boot in den Hafen schleppen. Für die halbe Seemeile war der Preis maßlos übertrieben, aber mangels sicherer Alternativen willigten wir zähneknirschend ein und kurze Zeit später hingen wir für wenige Minuten an einer langen Leine hinter einem tuckernden Fischerboot, um nach wenigen Minuten im Hafen von Plataria festzumachen.

 

 

Bei über 35°C Außentemperatur machte es sich Herbert im Motorraum bequem. Schweiß strömte über sein Haupt und unter lautem Fluchen („an Scheeiß is doch des!“) werkelte der 60-jährige ausgewanderte Österreicher an unserer Maschine herum. Testete dies und das, entfernte ein riesiges verlassenes Wespennest aus der Luftzufuhrleitung und konnte schließlich einen durchkorrodierten Krümmer als Übeltäter identifizieren. Was dieser war, wusste ich nicht genau, aber er schien immerhin wichtig zu sein. Ein Spenderorgan musste her und das erhielten wir im anderthalb Autostunden entfernten Lefkas, gegen eine Spende von 400€. Bereits am nächsten Tag war das neue Teil eingebaut und wir unternahmen einen neuen Startversuch. Der Motor sprang problemlos an und wir ließen ihn an der Pier sicherheitshalber erst einmal zehn Minuten lang laufen. Nachdem er über die gesamte Zeit brav Kühlwasser ins Hafenbecken erbrach und auch sonst nichts auffällig war, legten wir ab. Ein anderes Boot hatte seine Ankerkette über unsere gelegt (keine Seltenheit in griechischen Häfen) und nachdem wir unseren Anker nach weiteren fünf Minuten befreit hatten, freute ich mich schon auf die Hafenausfahrt. Die letzten 10m Ankerkette wollten noch aufgeholt werden, als plötzlich stinkender Rauch aus dem Motorraum aufstieg. Sch… Ich stoppte die Maschine und rief zum Bug, dass Fredi den Anker nicht weiter aufholen solle. Bei relativ wenig Wind hielt uns die verbleibende Kette glücklicherweise und wir schwojten (so heißt das Bewegen des Schiffs vor Anker) wenige Meter vor den Bugspitzen einer englischen Flottille. Deren Crews eilten uns netterweise mit einem motorisierten Beiboot und mehreren Leinen ziehenden Händen auf den Schiffen zu Hilfe und gemeinsam bugsierten wir die Moana in eine freie Lücke an der Pier zurück. Herbert wurde angerufen, Reklamation! Gemeinsam mit Andreas nahm er die Maschine erneut auseinander und die beiden freundeten sich an. Neben dem zufälligen Partnerlook besiegelte die Feststellung, dass beide Baujahr 1962 sind, die Freundschaft endgültig. Unter vielem weiteren Schweiß, aber kaum noch Fluchen (Andreas schien einen positiven Einfluss auf Herbert zu haben) stellten die beiden fest, dass es sich um ein elektrisches Problem handelte und der Entlüftungsventilator für den Motorraum wegen einer herausfliegenden Sicherung immer wieder keinen Strom erhielt. Dieses Problem konnte glücklicherweise schnell gelöst werden und so ging es einen weiteren Tag später hinauf aufs Meer und unter Segeln in eine tolle Ankerbucht mit Höhle auf Paxos! Wasserfahrt mit einigen Komplikationen vorerst erfolgreich.

Die Vorbereitungen

Plataria/Griechenland. Viele Male waren wir inzwischen schon dort und wie eine Ewigkeit kommt es uns vor, dass wir „damals“ unser Boot vor dem Kauf besichtigten und anschließend lange am Strand saßen, hin- und hergerissen, ob wir es wirklich kaufen sollen oder doch nicht, ob wir das Abenteuer wagen sollten oder nicht. So viele Male, dass wir inzwischen wissen, dass man den Ortsnamen, für Deutsche unintuitiv, auf der letzten Silbe betont, also „Pla-ta-ri-A“, nicht „Pla-TA-ri-a“, wie wir bis dahin dachten. So viele Male, dass wir inzwischen sämtliche Straßenhunde kennen und extra für sie eine Packung Futter an Bord deponiert haben. So viele Male, dass wir inzwischen eine genaue Vorstellung haben, wo wir Dichtmittel, Schlauchschellen, Batterieklemmen, Feta und nach frustrierend misslungenen Reparaturarbeiten auch Ouzo erwerben können. Aber nur eine Vorstellung, denn vieles gibt es dort ohnehin gar nicht. Der nächste echte Baumarkt ist über eine Stunde mit dem Auto entfernt, weit weg in den Bergen bei Ioannina, und auch dieser ist klein und schlecht sortiert. Manchmal weiß der britische Werftbesitzer Michael, welcher Freund über drei Ecken vielleicht jemanden kennt, der einen 32er Maulschlüssel haben könnte. Wolfgang und Tina, zwei ausgewanderte Deutsche und Segelyacht-Profis, waren ebenfalls oft eine große Hilfe, wenn es um Werkzeug, Beratung oder zu erledigende Reparaturen ging. Insgesamt ist Plataria jedoch sehr abgelegen und wir mussten lernen, dass gute Planung und gezielte Einkäufe vor unseren Aufenthalten dort essenziell sind, um vor Ort produktiv zu sein. Da fehlte es dann mitunter an einem 40cm langen Verbindungskabel, um weder Kartenplotter noch Radar fertig anschließen zu können. Ja, viel Frust und Ärger hatten wir mit unserem neuen Boot, aber auch viele Erfolgsmomente und viel Vorfreude darauf, wie unser Ziel, das Boot irgendwann zu Wasser zu lassen und auf Langfahrt zu gehen, mit jedem Mal etwas näher rückte.

Wie fing das ganze eigentlich an? Der Grundstein wurde während Fredis Praktikum auf Rarotonga/Cook-Inseln gelegt. Ich kam für unseren anschließenden gemeinsamen Urlaub nach und die Reise war begleitet von einem Gefühl von Freiheit in der großen weiten Welt. Inspiriert von vielen weltreisenden Backpackern und der einen oder anderen Eigneryacht, die dort im Hafen oder vor Anker lag, saßen wir eines Abends im Hostel in der Couchecke unter der großen dort hängenden Weltkarte. Es war eine Karte mit amerikanischem Layout, also Europa ganz links, Amerika ganz rechts und in der Mitte der Pazifische Ozean mit seinen tausenden Südseeinseln. Wir studierten die Karte und träumten von der großen Freiheit einer langen Segelreise. Was wir bis dahin immer als vor allem finanziell nicht machbar abgetan hatten, wenn wir kurz ins Träumen gerieten, entpuppte sich beim genaueren Durchrechnen als durchaus möglich. Klar, beim Bootskauf dürften wir nicht allzu wählerisch sein und selbst dann war klar, dass wir so ziemlich alle Hosen herunterlassen mussten, um eine gebrauchte Segelyacht zu kaufen, wenn sie solide und seetüchtig sein sollte. Aber es war möglich und so wurde der Traum langsam zum Plan. Im folgenden Jahr sichteten wir den Gebrauchtbootemarkt im Internet regelmäßig, klickten schweren Herzens die vielen schönen Yachten weg, die wir gern hätten, aber uns sowieso nicht leisten konnten, und nahmen die vielversprechenderen Kandidatinnen in unserer Preisklasse jeweils genauer unter die Lupe. Fredi wünschte sich in anfänglicher Motivation ein Boot, an dem es noch viel zu basteln gab, denn gern würde sie ein solches zu ihrem Projekt machen und ihre Träume umsetzen. Ich als Bastel-Legastheniker hingegen wünschte mir ein Boot, das möglichst segelfertig sein sollte. Wenig Arbeit, viel Segeln, mit diesem Motto hatte ich bereits zuvor mit meiner Teilzeitstelle glückliche Jahre verlebt. Letztendlich weckte die Anzeige einer alten Bavaria 390 Lagoon mein Interesse, denn neben der für unsere Zwecke perfekten Aufteilung mit großer Eignerkajüte und dennoch zwei Gästekajüten hatte die Yacht laut Ausschreibungstext einiges an Extras zu bieten, die für die lange Fahrt von Wert sein dürften. Solarzellen, Windgenerator, ein vom ständigen Neukauf von Gasflaschen unabhängiger Dieselherd, Maststufen und ein richtig schwerer Anker mit Ankerwinschfernbedienung im Cockpit waren nur einige dieser Dinge. Und der geforderte Kaufpreis wirkte auch mehr als fair. Allerdings war die Anzeige schon drei Jahre alt und die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich bei der Anzeige entweder um eine Karteileiche handelte oder aber, dass die Sache einen Haken hatte, und zwar über den zum Inventar gehörenden Bootshaken hinaus. Auf meine erste Mail an die vermittelnde kroatische Agentur erhielt ich keine Antwort und wir sahen uns weiter nach anderen Booten um. Viele Monate später stieß ich zufälligerweise erneut auf die Anzeige. Das Boot war immer noch online und so rief ich kurzerhand bei der Agentur an. Ja, das Boot sei noch verfügbar und der Eigner wohl gut situiert, denn aktiv bemüht sei er nicht, das Boot loszuwerden. Der Kontakt zum Eigner wurde hergestellt und er wirkte fast überrascht, hatte er schließlich kaum noch geglaubt, dass sich jemand auf die Anzeige melden würde. Aber ja, er wolle nach wie vor gern verkaufen. Und so nahm alles weitere seinen Lauf: Wir fuhren nach Plataria, besichtigten das Boot und unser erster Eindruck war gut. Fakten und Fotos ersetzten schließlich nicht das Gefühl, dass man beim Betreten eines Bootes hat. Wirkt es gemütlich? Stinkt es? Fühlt man sich an Bord wohl oder nicht? Den ersten Test hatte die alte Bavaria bestanden und so bestellten wir einen Gutachter, denn die Grundsubstanz konnten wir beim besten Willen nicht selbst beurteilen. Dieser attestierte, dass das Boot gut in Schuss war, stellte aber auch einige Mängel fest, der gravierendste war ein Riss im Ruderblatt, dessen Tiefe nicht ganz klar war und der schlimmstenfalls einen Austausch des gesamten Ruderblatts zur Folge haben würde. Damit gelang es uns, den Kaufpreis noch mal deutlich herunterzuhandeln und so schlugen wir zu. Ein ganz besonderer Dank gilt an dieser Stelle meinem Vater, der uns mit einer stattlichen Summe unterstützte.

Das Ruderblatt ließen wir vom Fachmann reparieren und was die übrigen Reparaturen anging, starteten wir völlig blauäugig in die Unternehmung. So ersetzten wir etwa die modrig-fleckige Deckenverkleidung im Salon für viel Geld und in vielen Arbeitsstunden, um ein halbes Jahr später festzustellen, dass die Flecken von Undichtigkeiten im Deck herrührten und unsere nagelneue Verkleidung nach den Regenfällen im Winter jetzt auch durchfeuchtet und voller Stockflecken war. Mit vielen Kraftausdrücken rissen wir sie wieder herunter, ermittelten die porösen Stellen, dichteten sie ab und dann begann das Spiel ein nächstes(und hoffentlich letztes) Mal von vorn. So erging es uns mit mehreren Sachen und wir gelobten, beim nächsten Boot mit der entsprechenden Erfahrung alles besser zu machen. Wir lernten jedenfalls, bloß nichts mehr anzufassen, was irgendwie hält und funktioniert. Fredi wurde nach anfänglichem Optimismus zunehmend frustrierter vom Bootsbau und wurde nach anfänglichem Pessimismus zunehmend motivierter, gelangen uns schließlich doch viele Dinge, von denen ich zuvor keinerlei Ahnung hatte und die ich mir eigentlich nie zugetraut hätte. Wie zum Beispiel die eigenständige Installation einer Meerwasserentsalzungsanlage. So trafen wir uns irgendwann quasi auf halber Strecke und die Diskussionen „nichts tun“ vs. „alles erneuern“ versiegten.

Aber was genau haben wir eigentlich alles gemacht und machen lassen? Hier eine Zusammenstellung. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an alle, die uns bei den Arbeiten geholfen haben! Das waren ganz besonders „Chefingenieur“ Andreas sowie Claudia, Sabine, Bici, Alex, Henni und Felix.

  • Einbau eines Fäkalientanks für das Vorschiffs-WC
  • Wärmeisolation der Achterkajüte und Teilen des Salons
  • Abdichtung diverser Luken und Durchführungen
  • Putzen und Polieren sämtlicher Luken und der Sprayhood
  • Einbau eines neuen Plexiglas-Oberlichts im Salon
  • Grundreinigung sämtlicher Polster
  • Einbau einer Meerwasserentsalzungsanlage
  • Austausch dreier nicht mehr gängiger Seeventile
  • Einbau einer neuen Toilette im WC achtern
  • neue Deckenverkleidung im WC achtern, in der Achterkajüte und im Salon
  • Ersatz zweier frakturierter Stufen im Niedergang
  • Abschleifen und Lackieren verschiedener Holzflächen und -wände sowie des Bootshakens
  • Einbau eines neuen Radars
  • Einbau eines neuen Multifunktionsdisplays
  • Austausch der defekten Batteriebank
  • Austausch und „Pimpen“ der Solarpanele
  • neuer MTTP-Solarladeregler
  • Teakdeck-Refit: Abschleifen und neue Verfugung, wo indiziert
  • Restaurieren der alten Lampen
  • Ausbesserung multipler Gelcoatschäden
  • Austausch/Reparatur diverser Kabelverbindungen und Sicherungen
  • Restaurierung des Cockpittischs
  • neues Beiboot mit Elektroaußenbordmotor
  • komplette Motorwartung mit Austausch der Verschleißteile
  • neue Feuerlöscher
  • neue Rettungsinsel
  • Demontage und Ersatz der alten Gangway
  • Antifeuchtigkeitsunterlagen für die Matratzen
  • Entfernen des verfärbten Spiegels
  • Einbau einer zusätzlichen Arbeitsplatte in der Kombüse
  • Anbringen diverser Haken, Magnetleisten u.v.m.
  • Ersetzen aller Leuchtmittel durch LED
  • Ersetzen diverser ranziger Türschwellen
  • Leimen kaputter Rahmen an zwei Schränken/Türen
  • Neuanstrich und Abdichtung des Steuerstands
  • Entfernen der alten Stereoanlage
  • Entfernen der alten Klimaanlage
  • Erneuern diverser Belüftungsöffnungen
  • Überholung von Genua, Sprayhood und Bimini durch Segelmacherin
  • Abbau der alten Gangway und Ersatz
  • neue Trittstufe am Bug
  • neuer Zweitanker nebst Kettenvorlauf und Ankerleine
  • Reparatur des Ankerkettenzählwerks
  • neue Festmacherleinen inkl. zwei 50m-Schwimmleinen
  • neue Automatikrettungswesten mit Lifebelts und Lifelines
  • Austausch des gesamten laufenden Guts
  • Motorservice inkl. Austausch diverser Verschleißteile
  • grundlegende Optimierung des Beleuchtungskonzepts
  • neuer Antifoulinganstrich für das Unterwasserschiff
  • Einbau einer elektrischen Bilgenpumpe
  • Reinigung von Wasser- und Dieseltanks

© 2022 Sailing Moana

Theme von Anders NorénHoch ↑

Sailing Moana